13. Februar 2019

Jahresrückblick 2018 - Die Entsiegelung!

Ein Frühjahr ohne Spaten 

Anfang Januar 2018 ist der Lucie-Flechtmann-Platz kahl und leer und erinnert an seinen urprünglichen Zustand in 2013, noch bevor Anwohner*innen aus der Grünenstraße begonnen hatten, einen Garten anzulegen. Die Minustemperaturen sorgen für einen verzögerten Beginn der Umgestaltung. Erst im März rollen die Bagger an um endlich die Pflastersteine zu entfernen...




Die Lucie bekommt Zuwachs


… aber den Lucies ist in der Wartezeit nicht langweilig geworden. Die im September 2017 bewilligte Förderung durch das Bundesministerium für Umwelt, Bau und nukleare Sicherheit hat es ermöglicht, im Januar einen nachbarschaftlichen Bildungsraum mit zwei Teilzeitstellen direkt gegenüber des Stadtgartens zu eröffnen: Die KlimaWerkStadt. Zusätzlich gab es dank einer weiteren Förderung mit Nicole Meyer auch personellen Zuwachs für Umweltbildungangebote auf der Lucie. Der kleine, organisch gewachsene Verein KulturPflanzen, der Träger für sowohl Lucie als auch KlimaWerkStadt ist, ist plötzlich gewaltig gewachsen!

Schon im Februar findet mit der 5. Bremer Saatgut Tauschbörse für sortenechtes, regionales Saatgut die erste Lucie-Veranstaltung in der KlimaWerkStadt statt. Und die riesigen Fenster der Räume eignen sich bestens für die Jungpflanzenanzucht für den Lucie-Garten. 

Die KlimaWerkStadt erreicht durch ihre große Themenvielfalt ein noch breiteres Publikum im Stadtteil, als die Lucie, und so finden 2018 einige neue ehrenamtliche Gesichter ihren Weg über die KlimaWerkStadt in den Garten!



Der Garten


Die Entsiegelung der Lucie dauert bis Ende Mai an. Derweil sprießen und gedeihen die Jungpflanzen auf dem Fensterbrett der KlimaWerkStadt – sie müssen dringend in die Erde. Am 30.05. ist dann endlich „Platzübergabe“: Wir erhalten die Schlüssel für den neu verlegten Stromanschluss – der Wasseranschluss wird noch bis Ende Juli auf sich warten lassen. Der Platz ist dem Entwurf gemäß hergerichtet und auf Teilflächen des noch brachliegenden Bodens ist Rasensaat ausgesät. Bis Ende Juni soll noch der Bauzaun stehen bleiben, um den frisch ausgesäten Rasen zu schützen. Bisher war die Stadtgemeinde Bremen für die Umgestaltung verantwortlich. Ab jetzt sind wir ganz offiziell für den Lucie zuständig und die gesamte rechtliche wie finanzielle Verantwortung für die Pflege des öffentliches Platzes liegt bei uns.



Die neue Lucie – jetzt gehört sie uns! Aber wir bremsen uns, die zahlreichen Jungpflanzen endlich in die Erde zu bringen, als uns die Bodenqualität bewusst wird. Der Boden der entsiegelten Fläche ist sehr sandig und gespickt mit Plastikmüll und Scherben. Das sind keine guten Voraussetzungen für Gemüse und Gärtner*innenhände! Wir organisieren zunächst 6 Tonnen Kompost aus dem Bremer Umland, arbeiten diese mühevoll in den vorhandenen Sand ein und befreien den Boden vom gröbsten Müll. Endlich dürfen die Pflanzen in die Erde! Inzwischen ist es Mitte Juni und wir beginnen, zu wässern.






Am Bremer Himmel zeichnet sich 2018 kein Wölkchen ab und kein Tropfen Regen fällt, sodass wir täglich gießen müssen. Bis Ende Juli auch der Wasseranschluss funktionsfähig ist, kommt wie gewohnt das aufwendige Prozedere mit Standrohr und Hydrant zum Einsatz. Langsam beginnt auch der Rasen zu wachsen!







Circa 200 qm Gemüsebeet haben wir im hinteren Platzbereich umgegraben und dazu das große Sichelbeet. Knapp 30 Gemüsekulturen und Gründüngung gedeihen nun auf der Lucie und auch der Rasen beginnt zu wachsen. Dank der intensiven Pflege durch das tägliche Gießen und sonntägliche Gärtnern, kann unsere Ernte sich sehen lassen! Zum Abschluss jeden Sonntagsgärtnerns wird gemeinsam geerntet. Alle, die mitgegärtnert haben, sind eingeladen von der Ernte auch etwas mitzunehmen. Oft essen wir noch gemeinsam vor Ort. Wir beginnen nun auch, die noch vorhandenen Hochbeete umzusetzen und ohne Palettenuntersatz, dafür endlich mit Erdkontakt, als Beetbegrenzungen um den Platz herum aufzustellen. Drei Hochbeete gehen an unsere Freund*innen vom Papp, sodass das Kneipenpublikum an der Westerstraße/Friedrich-Ebert-Straße nun auch ein bisschen Stadtgrün genießen kann.








Umweltbildungsangebote für Kinder und Jugendliche


Mit der Platzübergabe Ende Mai konnte Nicole ihre eigentliche Arbeit beginnen. In zahlreichen Nachmittags- und Ferienangeboten hat sie mit Kindern und Jugendlichen aus dem Stadtteil den zunächst noch kargen Platz begrünt und Stadtentwicklung von unten auch für die Jüngsten erlebbar gemacht: Ihre unkommerziellen Umweltbildungsangebote (auf Spendenbasis) umfassten die Anlage eines Kräuterbeets, den Einzug der Färberpflanzen wie Färberwaid, Schwarze Stockrose, Schafgarbe und Färbermeister, das Herstellen von Farben aus den Färberpflanzen, Äpfel sammeln und Apfelsaftpressen und eine Herbstferienwoche rund um Vögel, bei der Nist- und Futterhilfen für die Lucie und den eigenen Garten gebaut wurden.





Kulturelle Veranstaltungen


Das erste große Fest feiern wir 2018 erst nach dem Sommerferien: Die Lucie ist inzwischen über und über grün, aus der Gründüngung hat sich ein Sonnenblumenfeld entwickelt und in unserem Kürbisfeld zählen wir über 30 Früchte! Am 25.08. ist die Wiedereröffnung. Der Bausenator Joachim Lohse kommt das erste Mal persönlich auf die Lucie um den umgestalteten Platz einzuweihen. Der Anlass dient auch für eine Preisübergabe: Unser Engagement wird als offizielles Projekt der UN Dekade Biologische Vielfalt im Rahmen des Sonderwettbewerbs Soziale Natur ausgezeichnet. Ausgerechnet an diesem Tag wird uns auch der lang ersehnte Regen geschenkt, der diese Feier im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen lässt. Kurzerhand feiern wir in der KlimaWerkStadt weiter!




Im September veranstalten wir wie jedes Jahr ein Draußen-Kino und zeigen den Film „Das Gegenteil von Grau“, der bunte und selbstgemachte Stadtteilprojekte aus dem Ruhrgebiet vorstellt. Beim einzigen, sehr gut besuchten Lucie Flohmarkt entschließen wir uns kurzerhand für eine Soli-Aktion mit den widerständigen Naturschützer*innen im Hambacher Wald und hängen viele kleine Baumhäuser und ein Banner auf der Lucie auf.






Den Abschluss der dieses Jahr kurzen Veranstaltungssaison bildet am 14.10. das Herbstfest, bei dem Nicole mit Kindern und Eltern eine Suppe aus eigener Ernte zubereitet, wir uns von einer Feuershow in der Dämmerung beeindrucken lassen und anschließend noch lange mit Stockbrot am Lagerfeuer zusammen sitzen.






Besonderes


Als wäre das Gartenjahr 2018 noch nicht ereignisreich genug, gab es einige Besonderheiten:
  • Die Innere Mission hat – auch Dank des Einsatzes des Neustädter Beirats – im September für zunächst ein Jahr den Sozialarbeiter Christian als aufsuchenden Streetworker eingestellt, der den Dialog mit den suchtkranken Stammgästen auf der Lucie und Umzu gestalten wird. Nachdem der benachbarte Aldi im Juni wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen hatte, sind die Stammgäste in die Wallanlagen ausgewichen und waren 2018 insgesamt wenig auf der Lucie präsent. Für uns war dies eine spürbare Erleichterung. Zum Einem gab es erstmalig seit 5 Jahren keine Konflikte oder Krankenwageneinsätze auf dem Platz, zum Anderen mussten wir deutlich weniger Müll aufräumen. Wir freuen uns über die eingerichtete Stelle und hoffen, dass das neue Gartenjahr mit dem inzwischen wiedereröffnetem Aldi und zurückgekehrten Stammgästen ebenfalls konflikt- und müllfreier verläuft. 
  • Seit 2014 wurden wir Stadtgärtner*innen regelmäßig filmisch von Dirk Meißner und Orhan Calisir begleitet. Nun haben die Filmemacher eine 30-minütige Dokumentation über den Umgestaltungsprozess fertig gestellt. Wir werden den Film 2019 im Draußen Kino zeigen und haben zudem etwa 100 DVDs zu vergeben – sprecht uns bei Interesse gerne an!
  • Eine größere Förderung durch die Postcodelotterie, vermittelt über die anstiftung, hat uns ermöglicht Ende des Jahres mit dem Bau einer Plattform auf den beiden Containerdächern zu beginnen. Nach Fertigstellung des Geländers sollen hier die Bienen einen geschützten Standort finden und endlich auf die Lucie zurückkehren. Die Plattform wird auch ermöglichen, gemeinsam und sicher in Workshops auf der Lucie zu imkern.


Ausblick & Mitmachen! 


Ein wirklich ereignisreiches Jahr liegt hinter uns! Wir freuen uns sehr auf die Zukunft der neuen Lucie und nutzen die Winterpause um Pläne zu schmieden. Du bist herzlich eingeladen mitzumachen, uns je nach Lust und Laune mit deiner Tatkraft oder deiner Neugier zu bereichern und 2019 mit uns zu gärtnern und die Stadt von morgen zukunftsfähig zu gestalten! Komm gerne zum Plenum jeden 2. Montag um 18:30 Uhr oder ab dem Saisonstart am 6. April 2019 zum wöchentlichen Sonntagsgärtnern ab 16 Uhr.

Der Verein KulturPflanzen e.V. ist weiterhin auf Spenden angewiesen, um das Stadtgarten-Projekt „Ab geht die Lucie“ zu stemmen. Für Versicherung, Wasserkosten, Müllentsorgung, Instandhaltung, Anschaffungen etc. benötigen wir monatlich etwa 500 Euro (mehr Infos dazu auf www.lucie-bremen.de). Hiervon werden bisher erst etwa 100 Euro durch monatliche Dauerspenden gedeckt. Daher fließt viel Zeit und Energie der Ehrenamtlichen in die Finanzakquise, anstatt in den Garten. Bitte unterstütze uns dabei, die Lucie zu finanzieren und den Garten für alle zu erhalten, indem jetzt alles wirklich Wurzeln schlagen kann!

Richte deine Spende an:
KulturPflanzen e.V., Ab geht die Lucie
IBAN DE61 4306 0967 2047 9258 00 bei der GLS Gemeinschaftsbank



Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an alle Lucie-Unterstützer*innen!!

8. Februar 2019

Saatgut Tauschbörse am 9. März im Güterbahnhof

Am 21.03. ist Frühlingsanfang, doch für Garten-Liebhaber_innen beginnt die Saison deutlich früher. Schon Ende Februar sollten die ersten Samen zur Anzucht in die Erde gebracht werden, damit das Gartenjahr ertragreich wird. Woher genau das Saatgut kommt, aus dem später Erbsen, Tomaten oder Wildblumenvielfalt sprießen, wird leider oft vernachlässigt. Das ist fatal, denn Saatgut, ein Jahrtausende altes Kulturgut, ist durch die Monopolisierung des Saatgutvertriebs bedroht. Es heißt; dass bereits 75% der weltweiten Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen sind. Steht auf dem Samentütchen „Hybrid“ oder auch „F1“, stammt das Saatgut aus dem Labor und bringt Pflanzen hervor, deren eigenes Saatgut nur unzuverlässig vermehrbar ist. So wird Saatgut, das jede Pflanze des Überlebens willen im Überfluss produziert, trotzdem zu einer Ware, die jedes Jahr neu gekauft werden muss. Gleichzeitig gehen zahlreiche alte Sorten verloren, deren vielfältige, standortangepasste Eigenschaften gerade in Zeiten eines sich rasant wandelnden Klimas wichtige Grundlage für neue Züchtungen darstellen.




Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken lädt ein breites Bündnis zur 6. Bremer Saatgut Tauschbörse mit buntem Rahmenprogramm am 09.03. von 15-18 Uhr in den Güterbahnhof, Tor 40 ein. Bremen in Wandel, der BUND Bremen, die Gemeinschaftsgärtner_innen von Ab geht die Lucie, die KlimaWerkStadt, der Gärtnerhof Oldendorf und das Team Hofgrün des Güterbahnhofs möchten regionales, samenfestes Saatgut bewahren und verbreiten. Anstatt Hybrid-Saatgut im Bau- oder Supermarkt zu kaufen, kann auf der Tauschbörse eigenes Saatgut mitgebracht und gegen andere Sorten getauscht werden. So funktioniert's:

  • Bring' dein samenfestes Saatgut mit (d.h. keine F1-Hybride), am besten regional und ökologisch. Wir sammeln das Saatgut auf einem betreuten Tauschtisch. Du kannst vor Ort kleine Tüten basteln, um dir von dem mitgebrachten Saatgut der anderen etwas mitzunehmen.
  • Wenn du große Mengen an Saatgut zu vergeben hast, bekommst du einen separaten Tausch-Tisch. Bitte melde dich dafür bis 02.3.19 an unter: transition-bremen@web.de.
  • Tauschen gegen Spende ist auch möglich – es ist aber keine Verschenke-Aktion, denn wir möchten das Saatgut wertgeschätzt wissen.

Außerdem informiert ein buntes Rahmenprogramm die Besucher_innen über das noch viel zu unbekannte Thema Saatgut, macht Lust auf Sommer und Sortenvielfalt im Garten und bietet die Gelegenheit, mit den Organisator_innen der Tauschbörse ins Gespräch zu kommen:

15:00 Uhr: Beginn und Führung durch das Güterbahnhof-Hofgrün / CentralPark

15:30 Uhr: Gespräch mit dem Güterbahnhof-Imker Jörg Wenke und Besichtigung der Bienenvölker auf dem Dach des Künstlerhauses

16:00 Uhr: Vortrag & Diskussion „Open Source Seeds“ von Max Rehberg, CULINARIS Saatgut für Lebensmittel

18:00 Uhr: Ende

Kein Eintritt, doch Spenden für Saatgut, Vortrag und die Deckung der Raummiete sind gerne gesehen.


Lucie im Kino

Wir waren im Kino! Seit 2014 wurde die Umgestaltung filmisch begleitet. Entstanden ist eine 30-minütige Dokumentation der Platzumgestaltung von Orhan Calisir und Dirk Meißner. Zur Premiere waren wir letzte Woche mit langjährigen Lucie-Unterstützer_innen im City 46.
Der Film soll auch noch auf der Lucie gezeigt werden, und zwar am Abend der diesjährigen Saison-Eröffnung am 6. April - save the date!






Der Lucie-Flechtmann-Platz – kurz Lucie – in der Bremer Neustadt war wirklich keine
Schönheit. Grau in grau und ordentlich zubetoniert lag er zehn Jahre mehr oder weniger
brach. Seit Sommer 2013 ist Lucie ein Garten für alle, ein Ort der Begegnung, für gelebte
Nachbarschaft. Wer will, kann hier das Stadtbild und den eigenen Lebensraum
mitgestalten, unabhängig von Alter oder Herkunft. Der Gemeinschaftsgarten schafft ein
Stück Natur in der Stadt. Hier wird ökologisch nachhaltig gegärtnert, werden Alternativen zur Konsumgesellschaft vorgelebt. Der neue Lucie-Platz lädt Menschen ein umzudenken, selbst aktiv zu werden und sich für eine nachhaltige und zukunftsfähige Stadtentwicklung einzusetzen.
Auch für die Stadt Bremen war die Umgestaltung ein erster basisdemokratischer Prozess
der Stadtenwicklung. Ein Experiment, das für andere Urban-Gardening-Projekte und für
Bürgerinitiativen wegweisend sein kann. Denn seit 2018 heißt es offiziell: Ab geht die
Lucie! Die größten Bauarbeiten sind abgeschlossen – aber so richtig fertig wird Lucie ja
eigentlich eh nie.

Die Autoren Orhan Çalışır und Dirk Meißner haben die Initiative über mehrere Jahre
begleitet. So entsteht das Bild einer Vision, die sich anpasst, wo es nötig ist, sich im Kern
aber immer treu bleibt. Auf der anderen Seite kommen Vertreter aus Politik und
Verwaltung zu Wort, die für das Projekt über ihren eigenen Schatten springen mussten:
anerkennen, dass es auf dem Lucie-Platz mit alten Mitteln nicht weitergeht. Ab geht die
Lucie! erzählt so gesehen eine Story von Wagen und Gewinnen. Eine im besten Sinne
bremische Geschichte.

Dokumentation Bremen 2019
Länge: 0:29 Minuten