23. Januar 2015

Ein Wald aus Weihnachtsbäumen

Kopiert aus dem Weser Kurier vom 22.01.2014 von Tobias Meyer.

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Ein zweites Leben für Weihnachtsbäume: Auf dem Lucie-Flechtmann-Platz haben Mitglieder des Vereins „Ab geht die Lucie“ und Stadtteilbewohner am Sonnabend den „NeuStadtWald“ angelegt. Bis sie ihr grünes Kleid verlieren, sollen die Tannen nun die Fläche an der Westerstraße schmücken.

NeuStadtWald auf dem Lucie-Flechtmann-Platz, ein Wald aus alten Tannenbäumen © Picasa, Tobias Meyer
Foto: Picasa, Tobias Meyer

Bereits im vergangenen Jahr wollten die „Lucies“ ihren eigenen kleinen Park aus Weihnachtsbäumen aufstellen, sammelten die ausrangierten Tannen und verteilten sie auf dem Lucie-Flechtmann-Platz. Die Arbeit war groß – doch die Freude währte nicht lang: Bereits nach drei Tagen verschwanden die Bäumchen wieder von der Bildfläche, weil die Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe wohl dachten, es handele sich um eine besonders große Sammelstelle – und die Tannen pflichtbewusst mitnahmen.
In diesem Jahr soll das anders werden: Bereits am Freitagabend zimmerten ein paar Anwohner auf ihrem Platz, der seit 2013 im Rahmen des Urban-Gardening-Projekts genutzt und seitdem fortwährend begrünt wird. Jetzt, an diesem Sonnabendmittag, ist es relativ grau: in den Beeten der Holzkästen steckt nur etwas Geäst, für Blumen ist es noch zu kalt. Eva Kirschenmann kniet ganz hinten auf der Fläche vor dem Vereinscontainer, den Hammer in der einen, einen kleinen Tannenbaum in der anderen Hand. Stück für Stück schlägt sie einen Nagel durch eine am Boden liegende Holzplanke, bis dieser das Holz durchdrungen und sich von unten in den Baumstamm gebohrt hat. Eine wacklige Konstruktion, die nicht lange hält: sobald sie das Bäumchen loslässt, fällt es um. Also muss noch eine Holzlatte her, und noch ein Bäumchen, und am Ende stehen drei Tannen in einem Dreieck zueinander. „Passt“, sagt Kirschenmann und wackelt noch einmal an der Konstruktion. Passt.
NeuStadtWald auf dem Lucie-Flechtmann-Platz, ein Wald aus alten Tannenbäumen © Picasa, Tobias Meyer
Foto: Picasa, Tobias Meyer
Doch die Verstärkung ist schon auf dem Weg: Mette Asmussen kommt mit Akkubohrer auf dem Fahrrad, in dessen Anhänger ihr Weihnachtsbaum liegt. Ein Prachtexemplar, schön gewachsen, noch immer volle Nadelpracht – und das, obwohl er bis gestern noch im Wohnzimmer der Familie stand. Viel zu schade zum Wegschmeißen, befand die vierjährige Tochter Jenne, aber ihre Mutter konnte den Baum trotz seiner Ästhetik knapp einen Monat nach Weihnachten auch nicht mehr so wirklich sehen, da kam die Gelegenheit ganz passend. „Meine Tochter konnte sich nur von dem Baum trennen, weil sie wusste, dass er hierher kommt“, sagt Asmussen, die nur ein paar Straßen weiter wohnt. Der Baum bleibt also in Sichtweite.
Mittlerweile, um kurz nach 15 Uhr, ist schon gut was los auf dem Platz: Kirsten Tiedemann, Anwohnerin aus der Neustadt, zieht Bäume über den Platz in die eine Ecke; Günter Knobloch hämmert seine Tannen fest an die Holzkästen in der anderen Ecke. Zu tun gibt es genug, denn Anwohner und Unterstützer sind dem vorausgegangenen Aufruf gefolgt und haben allerlei Weihnachtsbäume auf den Platz geschleppt, mehr als 40 sind es bestimmt, vielleicht sogar noch mehr. An manchen klebt noch das Lametta, andere sehen schon etwas lädiert aus – ihnen wurde die Spitze abgesägt, manchmal sogar mehr: „Offenbar hat der Baum nicht durch die Tür gepasst“, sagt Eva Kirschenmann und hält lachend ein völlig verkrüppeltes Exemplar in die Luft; ein schmaler Baum, an dessen Stamm nur noch ein paar abgeschnittene Äste daran erinnern, dass es sich bei dem braun-grünen Etwas einmal um einen Weihnachtsbaum gehandelt haben muss. Aber hier und heute, auf dem Lucie-Flechtmann-Platz, werden keine Unterschiede gemacht: Jeder Baum kann Mitglied des „NeuStadtWald“ werden.
SÜD / Lucie-Flechtmann-Platz / Weihnachtsbäume © Walter Gerbracht
Foto: Walter Gerbracht
Die Aktiven drücken derweil die Daumen, dass das Werk von zwei Tagen Arbeit zum einen den nächsten Sturm, zum anderen den offiziellen Abholtag übersteht. Wobei: „Um eine Entsorgung haben wir uns bislang noch nicht gekümmert“, gibt Kirschenmann zu. Aber egal, jetzt sind die Bäume noch grün und geben dem Platz etwas Farbe. „Und wenn sie dann irgendwann abgenadelt sind, können wir sie bestimmt noch für etwas anderes verwenden“, sagt die 28-Jährige. Als Feuerholz zum Beispiel. Und wer weiß, vielleicht wird so aus den einst leuchtenden Weihnachtsbäumen ja dann noch ein flammendes Osterfeuer.
Das regelmäßige offene Plenum findet am Montag, 26. Februar, ab 18.30 Uhr statt. Die nächste Veranstaltung auf dem Lucie-Flechtmann-Platz ist für Sonntag, 1. Februar, geplant: Dann bietet der Verein „Ab geht die Lucie“ ab 15 Uhr ein Urban-Gardening-Seminar an.

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