21. März 2016

Bohnenkerne in Filmdöschen

kopiert aus dem Weser Kurier vom 21.03.2016. Zum Original-Artikel geht es HIER.

Bohnenkerne in Filmdöschen

21.03.2016
Saatgut-Börse im Karton, Ab geht die Lucie © Jan Menzner
Alles, was das Hobbygärtnerherz begehrt, wurde in Döschen, Tüten und Marmeladengläsern auf der Saatgut-Börse im „Karton“ angeboten. (Jan Menzner)

Die gemütliche Veranstaltung wird von den Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Gründen besucht. Sie dient zum Informationsaustausch, als Diskussionsrunde oder auch als gemütlicher Nachmittagstreff unter Gleichgesinnten. Doch bei allem Spaß haftet ihr eine gewisse Notwendigkeit an – aus überraschenden Gründen: Selbst gezüchtete Samen dürfen nämlich nicht verkauft werden, auch nicht privat oder in kleinen Mengen. Denn das deutsche Gesetz verlangt vor dem Handel eine amtliche Registrierung zum Beispiel der neu gezüchteten Tomatensorte. Was zunächst banal klingt, hat starke Auswirkung auf Kleinbauern.

Chris Wolterink, studierte Diplom-Biologin, hält die Sortenzulassung deshalb für einen bürokratischen Albtraum: „So ein Prozess dauert Jahre, und die Zulassung selbst kostet auch Geld – das kann sich kein einzelner Züchter leisten.“ Stattdessen spiele man so den „Big Playern“, also großen Lebensmittelkonzernen, in die Karten. Aufgrund der bürokratischen Hürden hat man sich kurzerhand entschlossen: Statt kaufen ist tauschen angesagt. Und das in ganz Deutschland. Selbst im Internet gibt es bereits Seiten wie tauschgarten.de auf denen man Samen „shoppen“ gehen kann, ohne dafür Geld zu bezahlen.

SÜD / Lucie-Flechtmann-Platz / Saatgutbörse ?? © Walter Gerbracht
Noch liegt das Urban-Gardening-Projekt auf dem Lucie-Flechtmann-Platz im Winterschlaf. Doch nicht mehr lange, dann geht das Gärtnern wieder los. (Walter Gerbracht)

Die Bremer Saatgut-Börse organisieren verschiedene grüne Initiativen unter der Schirmherrschaft des Netzes der Gemeinschaftsgärten in Zusammenarbeit. Mit dabei der Verein „Kulturpflanzen e.V.“, der die „Lucie“ bepflanzt. So heißt das Urban- Gardening-Projekt auf dem Lucie-Flechtmann Platz an der Westerstraße. Es ist das größte seiner Art in Bremen.

Neben dem Tauschen oder Verschenken von übrig geblieben Saatgut des vergangenen Jahres bietet „Kulturpflanzen“ außerdem sogenannte Piratenbeete, Hochbeete mit etwa 1,5 Quadratmeter Fläche, zur freien Nutzung an. Auf dem Lucie-Flechtmann-Platz stehen ganze 27 dieser neu gekauften und selbst zusammengebauten Beete, die noch einen Besitzer suchen.

Ohne Miete oder gärtnerische Expertise kann man an einem solchen Beet den eigenen grünen Daumen testen. Die einzige Verpflichtung: Alle ein bis zwei Wochen beim Gießtreffen mithelfen und bei Gemeinschaftsaufgaben wie Müll aufsammeln oder Platz fegen nicht kneifen. Dafür erhält man Zugang zu der Fachliteratur des Vereins – und viel wichtiger, dem Fachwissen seiner Mitgärtner.
Fachwissen bringen auch die drei Referenten des Tages mit: Chris Wolterink ist Expertin für Urban Gardening, Hannes Marienhagen und Anke Schmidt arbeiten auf einem Saatguthof in Oldendorf zwischen Bremen und Bremerhaven.

Bei ihren Vorträgen betonen die drei vor allem eine Sache immer wieder: Genetische Vielfalt ist wichtig! „Ein Ökosystem funktioniert am besten mit einem großen Genpool“, sagt Wolterink. So schütze man sich am besten davor, große Ernte-Verluste zu haben. Denn je identischer das genetische Material im Anbau sei, desto leichter können große Mengen der Nutzfläche einem einzelnen Krankheitserreger erliegen. Bei genetisch verschiedenen Pflanzen wird es hingegen immer Sorten geben, die dem Erreger widerstehen können. Umso unverständlicher erscheinen in diesem Zusammenhang die Schwierigkeiten bei der Registrierung neuer Sorten. Wolterink kommentiert dies so: „Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.“

Trotzdem gibt es auch heute Möglichkeiten, für genetische Vielfalt zu sorgen. Das ist Teil des Jobs von Hannes Marienhagen und Anke Schmidt. „Auf dem Saatguthof betreiben wir Kulturpflege“, sagt Schmidt. „Das heißt, wir machen Neuzüchtungen und vermehren bereits bestehende Arten.“
Hannes Marienhagen hat auch ein paar ganz praktische Tipps für die Gärtner zu Hause: „Am ertragreichsten und einfachsten zu ziehen sind Selbstbefruchter wie zum Beispiel Tomaten.“ Hier kann man ganz einfach mit einem Pinsel Bienchen spielen. Damit streicht man über die offenen Blüten und die Pollen die sich im Pinsel verfangen bestäuben die nächste Blüte.

Sehr gut eignen sich auch Kürbisse – aufgrund ihrer Größe muss man mit ihnen nicht allzu zögerlich sein. Abends sucht man sich zwei Blüten – eine männliche und weibliche, die man an der kleinen Miniaturfrucht erkennt.

„Wir brauchen Blüten, von denen wir glauben, dass sie am nächsten Tag von alleine aufbrechen würden. Die verschließen wir dann mit Kreppband“, erklärt Marienhagen den Vorgang. „Am nächsten Tag bricht man die männliche Blüte ab, man öffnet die weibliche und macht Liebe. Im Anschluss verschließt man diese wieder.“ Eine männliche Blüte kann bei diesem Vorgang durchaus auch mehrmals als Bestäuber dienen. Auf diese Art können selbst Unerfahrene schnell Erfolge erzielen und sogar verschiedene Kürbisarten kreuzen.

Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich auch mal mit Hacke und Spaten zu versuchen, aber keinen eigenen Garten besitzt, kann sich ganz einfach bei den Gemeinschaftsgärtnern der Neustadt melden per E-Mail an: mail@lucie-bremen.de.

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